Lies mir das Buch vom Fleisch

Schon im November des vergangenen Jahres hatte ich gesehen, dass Jonathan Safran Foer in Berlin aus seinem Buch „Tiere essen“ lesen wird und war ich hellauf begeistert. Ich hatte mir gleich nach Erscheinen die englische Originalausgabe gekauft und im letzten Jahr dann auch die deutsche Ausgabe. Man kann also sagen, ich bin ein Fan des Buches. Im Januar 2011 wurde das neuste Werk der Schriftstellerin Karen Duve veröffentlicht. Frau Duve beschreibt in „Anständig essen“ ihren Selbstversuch, ihre Ernährungsgewohnheiten zu anständig ändern und testet dabei für jeweils zwei Monate eine rein biologische, vegetarische, vegane und am Ende frutarische Ernährung. Ich muss gestehen, dass ich diesem Buch am Anfang sehr skeptisch gegenüber stand und diesen Rummel um doch eher kurzfristigen Fleischverzicht nicht so aufregend fand. Nach aber etwa sechzig Seiten Lektüre und zahlreichen Interviews in diversen Magazinen & Zeitungen hatte mich Frau Duve mit ihrer schonungslos ehrlichen Art für sich gewonnen.

Als ich mich um eine Karte für den Abend kümmerte – passenderweise wurden die Termine von J.S. Foer in Berlin, Zürich & Wien als Doppellesungen mit Karen Duve veranstaltet – war ich froh, überhaupt noch einen Platz zu bekommen. Allerdings gab es nur noch Plätze im Nebelsaal, in dem die Lesung per Leinwand übertragen wurde – der Hauptsaal war längst ausverkauft. Niemanden hat wohl dieses Interesse der Massen mehr erstaunt als J.S. Foer selbst. Er konnte gar nicht glauben, dass so viele Menschen gekommen waren, um sie beide lesen zu hören. Am Abend der Veranstaltung stand ich eine Weile in der langen Schlange vor dem Fritz Club am Berliner Ostbahnhof und vor mir wurde wild über Frau Duves derzeitige Ernährungsgewohnheiten diskutiert. Die ist übrigens vegetarisch mit einer großen Annährung an eine vegane Lebensweise, das hat sie dann gleich am Anfang der Lesung erzählt.

Beide Schriftsteller haben viel gemeinsam: Vor der Veröffentlichung ihres ersten Sachbuches haben sie erfolgreich Romane geschrieben. Große Teile seines Buches hat J.S. Foer in Berlin geschrieben, dort lebte er 2005 für einige Monate. Die Arbeit an „Tiere essen“ hat aber im Vergleich zu „Anständig essen“ sehr viel länger gedauert: J.S. Foer arbeitete fast drei Jahre an seinem Buch. Er hat Befragungen mit Menschen durchgeführt, die entweder in der Fleischindustrie beschäftigt oder in der Tierrechtsbewegung aktiv sind und sein Buch besteht aus vielen verschiedenen Essays mit seinen Gedanken und Rechercheergebnissen rund um Tiere & Essen. Karen Duve hat ihr Buch innerhalb von 10 Monaten geschrieben – genau die Länge ihres Selbstversuchs und hat innerhalb dieser Zeit intensiv recherchiert. Ihren Wechsel zwischen den einzelnen Ernährungsweisen vergleicht sie mit einem Umzug in eine neue Stadt – sehr aufregend, aber auch immer etwas anstrengend. Jedes Mal wieder im Supermarkt orientieren, alte Gewohnheiten aufgeben und sich auf etwas Neues einlassen. Nach drei Wochen hatte sie sich üblicherweise an die veränderte Situation gewöhnt.

Sehr spannend waren die Gespräche darüber, wie das Buch das Leben der beiden verändert hat. J.S. Foer hatte vor Veröffentlichung zwei Anwälte das Buch sichten lassen, um das Risiko einer Klage von Seiten der Fleischindustrie zu minimieren. Er selbst ist ganz überrascht, dass er bisher überhaupt nichts von Seiten der amerikanischen Fleisch-Lobby gehört hat. Ein befreundeter Autor hatte ihm prophezeit, Lesungen dieses Buches nur in Begleitung eines Bodyguards halten zu können – auch das braucht er nicht. Denn „Tiere essen“ sei sein überhaupt am wenigsten umstrittenes Buch. Aber es war das am schwersten zu schreibende Buch, denn im Vergleich zu seinen Romanen hatte er mit diesem Buch ein Ziel & eine Aufgabe. Das Schreiben an Romanen ist Kunst, sagt er und das ist und macht frei. Im Vergleich dazu, die Auswirkungen von Fleischkonsum zu beschreiben und damit nicht mehr zu verleugnende Tatsachen aufzuzeigen, war eine schwere Aufgabe.

Die Herausforderung von Karen Duve beim Schreiben ihres Buches war, der gleichzeitige Selbstversuch und die damit einhergehenden Veränderungen im Speiseplan. In der frutarischen Phase hatte sie befürchtet, aufgrund des Verzichts auf ihre übliche Schreibbegleitung in Form von Cola & Schokolade überhaupt nicht schreiben zu können. Es stellte sich aber schnell raus, dass das nicht der Fall war. Sie war darüber hinaus sehr überrascht über die Energie, die sie in dieser Phase hatte und zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie Lust zu joggen. Dennoch machen ihr die Interviews und Lesungen nach der Veröffentlichung mehr Spaß, denn jetzt geht es um etwas und zwar darum, ihre Erkenntnisse in die Welt hinaus zu tragen. Während ihrer eigenen Schreibphase hat sie das Buch von J.S. Foer gelesen und war für eine Sekunde lang irritiert. Dann dachte sie aber schnell, dass sie natürlich nicht das Patent auf das Thema Fleischessen hat und es ruhig ganz viele Bücher dazu geben soll.

Beide Autoren wünschen sich einen Warnhinaus auf  Fleisch analog zu den Verpackungen von Zigaretten. Entweder könnte das „Ich war ein Huhn“ oder „Ich war ein Schwein“ auf jedem Stück Fleisch im Kühlregal sein (Karen Duve) oder noch etwas drastischer, aber dennoch wahrheitsgemäß formuliert „Ich enthalte soundso viele Medikamente, Wachstumshormone und schädige deshalb die Gesundheit“ (Jonathan Safran Foer). Einig sind sie sich darin, dass diese immer noch steigenden Massen von Fleischkonsum einfach nicht mehr legitim und zeitgemäß sind. J.S. Foer schlägt hier einen Eingriff der Politik vor und das Verbot der Massentierhaltung. Oder wie bei gläsernen Automanufakturen, die gerne Einblick in ihre Produktion geben, sollten Schlachthöfe auch gläserne Wände bekommen. Sir Paul McCartney (und auch schon seine verstorbene Frau Linda) fordert auch genau das.

Alles in allem ein sehr kurzweiliger Abend, an dem ich oft gedacht habe „Ja, genau“. Beide Autoren haben in und mit der Thematik ihren eigenen Weg gefunden, sich anständig zu ernähren und zu leben und einfach so zu sein, wie es für sie richtig erscheint.

Ganz am Ende wurde J.S. Foer noch aus dem Publikum gefragt, wie man denn andere dazu bringen kann, kein Fleisch zu essen. Seine Antwort: Streit über das Fleischessen hilft nie. Er führt sein Leben einfach so wie er es tut – als Mensch, der seinen Fleischkonsum auf null reduziert hat und hat dadurch Menschen in seinem unmittelbaren Umfeld bis hin zu zahlreichen Lesern des Buches zum Umdenken inspiriert. Aber nicht, weil er es ihnen aufgezwungen hat, sondern einfach, weil er dabei bei sich selbst war und ist.

Karen Duve ist weiterhin auf Lesereise unterwegs und am 27. Januar 2011 im Münchner Literaturhaus zu hören.

Bilder vom Abend in Berlin sind hier zu finden.

4 Kommentare

    • Franziska

      Liebe Sabine – Karen Duve ist am 24. März während der LitCologne in Köln. Jonathan Safran Foer hatte in Europa wohl leider nur drei Lesungen und zwar in Berlin, Zürich & Wien. Love & Veggies nach Köln und eine schöne Woche!

  1. Ist das auch ein neuer Trend: Romanutoren schreiben autobiografisch übers Essen? Gehen ihnen die Geschichten aus und brauchen sie mehr Publicity? Oder brauchen die Menschen mehr Romanautoren, die Sachbücher zum Thema gute Ernährung schreiben, damit mehr Leute Bücher dazu lesen?
    Das ist eine Frage, die mich beschäftigt. Euch auch?

  2. Bei sich selbst sein, den eigenen Weg gehen, ist inspirierend. Neue Wege aus Überzeugung gehen, spricht für sich selbst.
    Ein guter Artikel und zwei gute Bücher.

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